Erstens kündigt einer der beiden Sozialpartner (Arbeitgeberverband oder Gewerkschaft) die Kündigung des Tarifvertrags. Die Gewerkschaften stellen ihre Forderungen bei den Arbeitgebern vor und informieren in der Regel gleichzeitig die Presse. Sie erläutern ihre Forderungen, machen ihre Ziele klar und begründen, warum diese Forderungen als erreichbar gelten. Die Arbeitgeber formulieren ihrerseits ihre entsprechenden Gegenforderungen und informieren die Gewerkschaften und gegebenenfalls die Öffentlichkeit über die Situation und die Rahmenbedingungen in der Branche. Die deutsche Versicherungswirtschaft hatte eine Schiedsvereinbarung bis zum 30. Juni 1980, als sie von den Gewerkschaften gekündigt wurde. Seitdem wurde sie nicht verlängert, weil beide Verhandlungsparteien entschieden, dass es besser wäre, vernünftige Lohnabschlüsse untereinander abzuschließen – ohne einen Schiedsrichter. Arbeitskampfmaßnahmen (Streik oder Aussperrung) sind eine weitere Methode für Gewerkschaften, ihre Interessen zu verfolgen. Bislang wurden handelspolitische Auseinandersetzungen in der deutschen Versicherungswirtschaft im Gegensatz zu vielen anderen Branchen jedoch gütlich beigelegt. Wird ein für beide Seiten annehmbarer Kompromiss gefunden, wird der Text des Abkommens ausgearbeitet und das Dokument unterzeichnet.

Schließlich informieren der Arbeitgeberverband und die Gewerkschaften ihre jeweiligen Mitglieder und die Öffentlichkeit über den abgeschlossenen Tarifvertrag. Der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV) führt im Namen seiner Mitgliedsunternehmen alle Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften (ver.di, DHV und DBV). Branchenweite Tarifverträge für die private Versicherungswirtschaft stehen im Mittelpunkt der Verhandlungen. Diese sind wie folgt geteilt: Die wirtschaftlichen und geschäftlichen Rahmenbedingungen werden in der ersten oder zweiten Runde der Tarifverhandlungen dargestellt. Um ihre Position zu unterstützen, stellt jede Seite die relevanten Benchmark-Daten aus ihrer Perspektive vor. Darüber hinaus werden Empfehlungen von Wirtschaftsinstituten und/oder Experten diskutiert. Die Profitabilität und wettbewerbsorientierte Position der Unternehmen stehen im Mittelpunkt der Diskussion ebenso wie die Geschäftsentwicklungsprognosen und die Lohnsituation der Mitarbeiter. Auch Tarifverträge, die in anderen Branchen geschlossen werden, können eine entscheidende Rolle spielen.

Obwohl zunächst alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden sollten, können sich die Verhandlungsparteien manchmal nicht durch offene Verhandlungen einigen. In diesem Fall können die Parteien entscheiden, zum Schiedsverfahren zu gehen. Wenn die Verhandlungen festgefahren sind und es scheint, dass keine Partei bereit ist, auch nur geringfügig von ihrer Position abzuweichen, kann es hilfreich und sogar notwendig sein, neue Verhandlungstermine festzulegen. Folglich gibt es manchmal eine Reihe von Verhandlungsrunden. Die Mitglieder des Verhandlungsausschusses treten in der Regel mit klar definierten Mandaten in Verhandlungen ein. Der Ausschuss weicht nicht ohne weitere interne Diskussion von diesen Mandaten ab. Wenn in einem fortgeschrittenen Stadium der Verableitung weitere Leitlinien zu spezifischen Fragen wie der Bewertung bestimmter Mitarbeiterfunktionen oder der Auswirkungen neuer Technologien erforderlich sind, können Sachverständigenausschüsse oder einzelne Spezialisten konsultiert werden. Sonderfragen können auch unabhängig von einem Sachverständigenausschuss erörtert werden.

Nach dem Austausch ihrer jeweiligen Standpunkte beginnen die oft langwierigen Verhandlungen über einen Kompromiss zwischen beiden Parteien. In diesen Verhandlungen versucht jede Partei, die andere Verhandlungspartei von der Richtigkeit und Bedeutung ihrer Argumente zu überzeugen.